Prospektive Risikopotentialabschätzung am Beispiel
der Spurwechsel-Assistenz*

Welchen Nutzen im Hinblick auf die Verkehrssicherheit ein konkretes Fahrerassistenzsystem hat, kann mit Gewißheit erst beurteilt werden, wenn eine hinreichend große Anzahl von ausgerüsteten Fahrzeugen lange genug im realen Verkehr unterwegs gewesen ist. Die Anwendung von Risikoanalysen verspricht aber zumindest eine Annäherung an das Ziel, das Sicherheitspotential eines solchen Systems abzuschätzen, unabhängig davon, ob es von einem späteren konkreten Design ausgeschöpft wird oder nicht. Der vorliegende Beitrag widmet sich einer Prozedur zur Analyse möglicher Sicherheitsgewinne am Anwendungsbeispiel „Spurwechselassistenz“.

Zur Ermittlung des Potentials wurde vom Risikobegriff ausgegangen: Risiko als Produkt von Schadenswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe. Grundlage der gesamten Einschätzung sind die empirischen Daten, die zur Analyse von Spurwechselvorgängen auf Autobahnen mit Hilfe eines instrumentierten Meßfahrzeuges erhoben wurden. Dazu wurde zunächst eine Taxonomie von Spurwechsel-Klassen entwickelt, um Analyseeinheiten zu definieren. Auf Basis der Feldbeobachtungen verblieben 22 Spurwechsel-Klassen mit relevanten Auftretenshäufigkeiten. Aus den Beobachtungs- und automatisch aufgezeichneten Daten wurden dann diejenigen Merkmale herausgesucht, die mit begründeter Annahme die Eintretenswahrscheinlichkeit eines Unfalls begünstigen. Dabei handelte es sich u.a. um Fahrfehler wie z.B. „zu knappes Auffahren“, „nicht Sichern“ sowie um Geschwindigkeits- und Abstandsmaße wie Zeitlücken und ttc. Analog wurde bei der Ermittlung der Schadenshöhe verfahren: Berücksichtigung derjenigen Merkmale, die in ihren Ausprägungen das Ausmaß des Schadens beeinflussen. Mit Hilfe eines mehrstufigen Ratingverfahrens wurden schließlich die Einstufungen zur Schadenswahrscheinlichkeit und zur Schadenshöhe zusammengeführt und das Risiko bestimmt. In einem letzten Schritt wurde das ermittelte Risiko auf die empirisch ermittelte Auftretenshäufigkeit der einzelnen Spurwechsel-Klassen bezogen, in dem dieses Expositionsmaß mit dem entsprechenden Risikowert der einzelnen Spurwechsel-Klassen multipliziert wurde. Wir erhalten auf diese Weise einen Kennwert, mit der die Gefährlichkeit jeder Spurwechsel-Klasse anhand ihrer Auftretenshäufigkeit gewichtet wird. Diese Kenngrößen stellen einen Indikator für das Sicherheitspotential dar, das durch einen Spurwechsel-Assistenten ausgeschöpft werden könnte. Wie die Analysen zeigen, ergibt sich eine starke Situationsabhängigkeit: das ermittelte Risikopotential konzentriert sich auf eine Reihe weniger Spurwechsel-Klassen.

Aus: Fastenmeier, W., Gstalter, H., & Zahn, P. (2001). Prospektive Risikoabschätzung am Beispiel der Spurwechsel-Assistenz. VDI-Berichte, 1613, 173-189. Düsseldorf: VDI-Verlag.

* Das diesem Beitrag zugrundeliegende Vorhaben wurde im Rahmen von MOTiV/Teilprojekt „Abbiege- und Spurwechselassistenz“ im Auftrag der BMW AG, Robert Bosch GmbH, OPEL AG, Volkswagen AG durchgeführt. Die Verantwortung für den Inhalt liegt bei den Autoren.


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