Lkw-Fahrerbefragung: Ein Beitrag zur Analyse des Unfallgeschehens

Im Gegensatz zum allgemeinen Trend bei Straßenverkehrsunfällen weisen Unfälle mit Personenschaden und Beteiligung von Güterkraftfahrzeugen eine steigende Tendenz und ein erhöhtes Schadenpotenzial auf. Angesichts des weiter zunehmenden Güterverkehrs ist es erforderlich, die Sicherheit des Lkw-Verkehrs zu verbessern und insbesondere die Überforderung des Lkw-Fahrers zu reduzieren. In Ergänzung zu Unfallanalysen bilden Befragungen der Betroffenen selbst einen wesentlichen Baustein zur Erhöhung der Sicherheit im Güterverkehr.

Im Rahmen der bislang umfangreichsten Befragung von Lkw-Fahrern in Europa wurden im Zeitraum von Oktober 2001 bis April 2002 insgesamt 2.988 Lkw-Fahrer befragt. Über 80% der Daten stammen aus Befragungen an Raststätten, Autohöfen und Parkplätzen (davon 41,7% in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, 37% in Bayern, 3,5% in Sachsen-Anhalt); die verbleibenden ca. 18% verteilen sich auf Erhebungen in Firmen, Speditionen sowie bei Schulungen und Sicherheitstrainings.

Die zentralen Ergebnisse dieser Untersuchung lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

  1. Die Belastungen am Arbeitsplatz Lkw sind hoch (lange Lenkzeiten, lange Arbeitszeiten, häufige Nachtfahrten); dies führt insbesondere bei den älteren Fahrern zu starken Beanspruchungen.

  2. Diese Beanspruchungen manifestieren sich am häufigsten als Ermüdungserscheinungen, die als sehr gefährlich eingeschätzt werden.

  3. Die zur Regeneration nötigen Pausen werden nicht ausreichend eingehalten. Die Gründe dafür liegen einerseits in Organisationsstrukturen der Firmen, aber auch an mangelnden Angeboten der Raststätten, insbesondere am Mangel von Parkmöglichkeiten. Zusätzlich beklagen die Fahrer häufige Staus.

  4. Die ermittelte Anschnallquote der Lkw-Fahrer muss als besorgniserregend eingestuft werden: Über 50% der Lkw-Fahrer legen den Gurt selten oder nie an, nur ein Viertel regelmäßig. Die Begründungen der Fahrer für die Nichtbenutzung des Gurtes zeigen einen großen Mangel an Einsicht in den Nutzen des Sicherheitsgurtes.

  5. Dichtes Auffahren als Unfallschwerpunkt deckt sich mit den Einschätzungen der Lkw-Fahrer.

  6. Weitere zentrale Problembereiche sind neben der Überladung die falsche bzw. unzureichende Ladungssicherung. Die Fahrer beklagen einerseits fehlende Fahrzeugausstattungen (keine geeigneten Haltepunkte, keine ausreichenden Sicherungsmittel), andererseits mangelnde Kenntnisse über das Ladegut und Sicherungsmethoden sowie Zeitdruck beim Be- und Entladen.

  7. Viele Fahrer durchlaufen Weiterbildungsmaßnahmen und beurteilen diese insgesamt als gut. Als etwas schlechter wird die Weiterbildung in der eigenen Firma eingestuft. Allerdings hat knapp die Hälfte der befragten Lkw-Fahrer noch nie an einer Weiterbildung teilgenommen.

  8. Der Nutzen moderner Sicherheitseinrichtungen wird von den Fahrern recht unterschiedlich eingestuft. Sie versprechen sich am meisten sowohl von aktiven Sicherheitssystemen wie ESP etc. und retroflektierenden Konturmarkierungen als auch von passiven Sicherheitseinrichtungen wie Heck-, Seiten- und Frontunterfahrschutz). Es folgt der Wunsch nach dem Ausbau der Verkehrswege sowie nach Weiterbildungsmaßnahmen insbesondere hinsichtlich Gefahrensituationen, Lenk- und Ruhezeiten sowie Ladungssicherung. Trotz insgesamt positiver Einschätzung wird der Nutzen neuer aktiver Sicherheitssysteme wie z.B. Abstandsregelungs- und Spurführungssystemen vergleichsweise zurückhaltend eingestuft.

Der vorliegende Bericht enthält abschließend eine Reihe von Empfehlungen der Deutschen Autoversicherer zu den Themen Weiterbildung, Ermüdung, Ladungssicherung sowie allgemeine Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit im Lkw-Verkehr.

Aus: Fastenmeier, W., Gwehenberger, J. & Finsterer, H. (2002). Lkw-Fahrerbefragung. Ein Beitrag zur Analyse des Unfallgeschehens. München: Institut für Fahrzeugsicherheit im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV e.V.).


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