Ist die MPU reformbedürftig?.

1. Grundsätzlich ist die MPU mit hohen normativen und wissenschaftlich unterlegten Qualitätsstandards etabliert und bewährt - im Gegensatz etwa zur Begutachtungspraxis bei Berufskraftfahrern oder rein ärztlichen Gutachten. Insofern erscheint es nicht gerechtfertigt, die MPU in den Mittelpunkt von Reformvorschlägen zu stellen. Demgegenüber sollte der zukünftige Fokus zur Optimierung der Qualität auf die o.g. anderen Bereiche der Fahreignungsbegutachtung gerichtet werden, da hier größerer Handlungsbedarf besteht. Ziel muß also ein der MPU vergleichbares Qualitätsmanagementsystem sein, insbesondere für ärztliche Gutachten innerhalb und außerhalb von Begutachtungsstellen für Fahreignung (BfF).

2. Es wird immer wieder die Forderung erhoben, die Qualität der Begutachtungspraxis in den BfF müsse erhöht werden. Dies erscheint angesichts der Feststellung in 1. größtenteils unangemessen. Als schwerwiegendes grundsätzliches Problem erscheint demgegenüber die derzeitige GeBOSt. Die festgelegten niedrigen Gebührensätze für die verschiedenen Untersuchungsanlässe führen zu einer Reihe negativer Konsequenzen:
- Damit ist für die Träger nicht wirtschaftlich zu arbeiten.
- Die eingesetzten Gutachter, die normativ und wissenschaftlich sehr hohe Anforderungen zu erfüllen haben, werden deshalb nicht adäquat vergütet.
- Ein bereits jetzt merklicher Nachwuchsmangel, da niemand mehr bereit ist, unter den gegebenen Bedingungen zu arbeiten.

3. Die immer wieder aufgestellte Forderung nach Tonaufzeichnungen der psychologischen Explorationen ist unter verschiedenen Gesichtspunkten abzuwägen: Falsch wäre es, sie auf Grundlage eines grundsätzlichen Mißtrauens in die mängelfreie Arbeit eines Gutachters zu fordern. Tonaufzeichnungen sowohl der psychologischen Exploration als auch der ärztlichen Anamnese könnten zwar u.U. zu erhöhter Transparenz führen und würden vermutlich dazu beitragen, daß Gutachten häufig noch klarer negativ ausfallen würden. Da aber bis dato wissenschaftlich belegte Argumente für den Nutzen von Tonaufzeichnungen fehlen, wird eine wissenschaftliche Überprüfung unterschiedlicher Methoden der Explorationsaufzeichnung angeregt. Erst dann sollte über Regelungen, Folgen für Gebühren etc. nachgedacht werden.

4. Obergutachterstellen (OGA) sollten wieder installiert bzw. bestehende OGA-Stellen gestärkt werden. Es existiert ein Bedarf sowohl seitens der Betroffenen als auch seitens der Behörden:
- in schwierigen Fällen sowie für Sondergruppen, in denen das standardmäßige Vorgehen in BfF nicht ausreicht;
- Betroffene, Behörden und Gerichte haben die Möglichkeit, zweifelhafte oder strittige Fälle durch sachverständige, unabhängige Obergutachter prüfen zu lassen;
- da bei den Trägern der BfF kaum noch Forschung betrieben wird, verbleibt neben den wenigen verkehrspsychologischen Lehrstühlen lediglich die Institution der Obergutachterstellen, um die wissenschaftliche Fundierung der verkehrspsychologischen Begutachtung, Intervention und Prognoseerstellung weiterhin zu gewährleisten.

5. Schaffung einheitlicher Qualitätsstandards einschließlich Qualifikationsanforderungen für die Durchführung von Gutachten, Beratungs- und Rehabilitationsmaßnahmen in allen Bereichen der Fahreignungsbegutachtung. Notwendigkeit der Integration einer dualen, berufsbegleitenden Ausbildung in Studiengänge (z.B. Psychologie des Verkehrswesens, Verkehrspsychologie), um Theorie und Praxis in qualifizierter Weise miteinander zu verbinden. Dies ist im Rahmen der Berufsfreiheit zu regeln und in der Anlage 14 FeV anzupassen.

Aus: Fastenmeier, W. (2014). Ist die MPU reformbedürftig? Blutalkohol, 51, 81-93.
Vortrag auf dem 52. Verkehrsgerichtstag in Goslar, 29.-31.1.2014. Hamburg: Deutsche Akademie für Verkehrswissenschaft e.V.
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