Der Einfluß unterschiedlicher Automatisierungsgrade von ACC-Systemen auf das Fahrerverhalten

Ziel von Fahrerassistenzsystemen ist es, den Fahrer in der Erledigung seiner Fahraufgaben zu unterstützen und ihm seine aktive Rolle im Fahrer-Fahrzeug-Regelkreis zu erhalten, z.B. durch eine stets übersteuerbare Unterstützung. Ein Beispiel dafür sind ACC-Systeme, die eine Erweiterung der konventionellen Tempomatfunktion auf eine Geschwindigkeits- und Abstandsregelung zu einem vorausfahrenden Fahrzeug auf der selben Fahrspur darstellen. Gegenwärtig werden verschiedene Varianten solcher Systeme entwickelt, die sich hinsichtlich Sensorik, Automatisierungsgrad und Anzeigestrategie unterscheiden.

In der hier vorgestellten Felduntersuchung sollte unter anderem herausgefunden werden, wie sich ein unterschiedlicher Automatisierungsgrad von ACC-Systemen auf das Fahrerverhalten auswirkt und welche Systemparameter bei unterschiedlichem Automatisierungsgrad einer weiteren Anpassung bedürfen. Dazu wurde ein ACC-System mit hohem Automatisierungsgrad (Abstandsregelung mit Drosselklappensteuerung und Bremse) mit einem System mit niedrigem Automatisierungsgrad (Abstandsregelung mit Aktivem Gaspedal und Bremse) verglichen. 24 Versuchspersonen (Vpn) fuhren mit beiden Systemvarianten abwechselnd auf unterschiedlichen Autobahnstrecken jeweils mit einer festgelegten Geschwindigkeit (v = 130 km/h) sowie mit freier Geschwindigkeitswahl. Die Hälfte der Vpn waren Tempomat-gewohnte Fahrer. Alle Versuchsfahrten wurden von zwei Beobachtern begleitet; neben a priori definierten Fahrsituationen wurden Fahrzeugparameter sowie Fahrer- und Systemfehler aufgezeichnet. Im Anschluß an die Fahrten bearbeiteten die Vpn einen Fragebogen zu bestimmten Systemaspekten.

Obwohl mit dem Aktiven Gaspedal generell schneller gefahren wurde als mit dem Automatikmodus erwies sich unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit das Aktive Gaspedal als zuverlässiger. Insbesondere „abruptes Verzögern“ und „spätes Beschleunigen“ des Automatikmodus provozierten dichtes Auffahren und „Drängeln“ nachfolgender Fahrzeuge, führten in etwa 10% der Fälle zu Verkehrskonflikten und zwangen die Vpn immer wieder, das System zu überspielen. Knappes Einscheren von Fremdfahrzeugen vor dem ACC-Fahrzeug betraf dagegen beide Systemvarianten gleich häufig; das Konfliktpotential lag hier bei ca. 25%. Bei Geschwindigkeiten über 130 km/h stiegen die Fehler- und Konflikthäufigkeiten insgesamt stark an. Bemerkenswert erscheint, daß sich die Versuchsbedingung „Aktives Gaspedal“ mit der Gruppe der „Nicht-Tempomatfahrer“ als zuverlässigste erwies. In allen anderen Varianten lagen die Fehlerhäufigkeiten und Systemstörungen signifikant höher. Insgesamt fanden beide Systemvarianten eine hohe Akzeptanz unter den Vpn; unter Komfortaspekten wurde das höher automatisierte System besser beurteilt.

Aus: Fastenmeier, W., Stadler, P. & Lerner, G. (1995). Situationsbezogene Fahrerunterstützung durch AICC. In W. Fastenmeier (Hrsg.), Autofahrer und Verkehrssituation – Neue Wege zur Bewertung von Sicherheit und Zuverlässigkeit neuer Straßenverkehrssysteme (S. 181-198). Köln: Verlag TÜV Rheinland.


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