Beanspruchungsfolgen des Berufsverkehrs bei Pendlern

Lange Wege zum Arbeitsplatz gelten als eine Belastung. Die geschilderte Studie ging der Frage nach, ob bzw. unter welchen Bedingungen diese Belastung sich im Zustand der Beschäftigten bei Arbeitsbeginn niederschlägt: Sind insbesondere Pendler mit langen Anfahrtwegen weniger leistungsmotiviert und –fähig oder verschlechtert sich die Stimmungslage als Folge der Fahrtbelastungen? Und stellt sich die Situation für Autofahrer anders dar als für Pendler im ÖPV?

Diesen Fragen wurde im Rahmen einer empirischen Untersuchung an 220 Beschäftigten aus 7 verschiedenen Firmen im Raum München nachgegangen. Methodisch ist der Effekt des Pendelns auf die Befindlichkeit bei Arbeitsbeginn schwierig zu isolieren; auch andere Einflußgrößen müssen deshalb in Betracht gezogen werden. So entstand ein recht komplexer Versuchsplan, der diverse Datenquellen nutzt. Die Befindlichkeit bei Arbeitsbeginn wurde mit der Eigenzustandsskala ermittelt; außerdem kamen ein Konzentrationstest und physiologische Maße zum Einsatz. Diese Daten wurden von jedem Probanden während der Projektlaufzeit dreimal erhoben. Die Arbeitssituation wurde mit einem Fragebogen erfasst, ebenso der Gesundheitszustand der Beschäftigten. Zusätzlich ermittelten wir verkehrsbezogene Einstellungen der Probanden und Einzelheiten über ihre Verkehrswege zur Arbeit. Wesentliche Informationen sammelten die Versuchspersonen in Tagebüchern, die sie während des Versuchszeitraumes von 10 Arbeitstagen führten. Die Tagebücher beschreiben die häusliche Situation bei Fahrtantritt, die Belastungen und Beanspruchungen unterwegs und den Zustand der Probanden beim Eintreffen am Arbeitsplatz.

In der Ergebnisdarstellung werden vier Teilgruppen miteinander verglichen: „Pendler“ mit langen Anfahrtwegen und Nicht-Pendler, die jeweils zum Teil mit dem Auto und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fuhren. Autofahrende Pendler schnitten im Gesundheitsfragebogen und bei psychosomatischen Beschwerden am schlechtesten ab. Pendler waren bei Fahrtantritt deutlich müder als Nichtpendler – unabhängig vom gewählten Verkehrsmittel. Als wesentlichster Stressor unterwegs erwies sich die Fahrtdauer. Die resultierende Beanspruchung unterschied sich nicht zwischen den Verkehrsmitteln, wurde aber auf auto- bzw. ÖPV- spezifische Belastungen zurückgeführt. Die Situation am Arbeitsplatz hat starken Einfluss auf die Befindlichkeit bei Arbeitsbeginn: Wer mit seinen Arbeitsbedingungen zufrieden war, war bei Arbeitsbeginn besser gelaunt, leistungsmotivierter und leistungsfähiger als andere. So deutliche Unterschiede konnten dagegen als Beanspruchungsfolge des Pendelns nicht gefunden werden. Dies ergab sich lediglich im Extremgruppenvergleich von Probanden, die sich sehr bzw. gar nicht durch die Fahrt beansprucht fühlten. Dieses Ergebnis kann als Selektionseffekt erklärt werden: offenbar war es dem Großteil der Probanden gelungen, das für sie persönlich „belastungsoptimale“ Verkehrsmittel zu wählen. So fuhren überwiegend solche Versuchspersonen mit dem Auto, die in der Befragung angaben, Autofahren sei eher entspannend als stressig. Die Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel sahen dies genau anders herum und begründeten ihre Verkehrsmittelwahl auch überwiegend so. Abschließend wird die Bedeutung der Ergebnisse vor dem Hintergrund betrieblicher Strategien bei der Mobilitätsberatung diskutiert.

Aus: H. Gstalter & W. Fastenmeier (2001). Abstract für die VDI/SAE/JSAE-Gemeinschaftstagung „Der Fahrer im 21. Jahrhundert“ am 3./4. Mai 2001 in Berlin.


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