Analyse von Spurwechselvorgängen im Verkehr*

Fahrerassistenzsysteme werden künftig für den Autofahrer auf allen Ebenen der Fahrzeugführung verfügbar sein. Die Palette reicht von Anti-Blockier-und Fahrstabilitätsregelungen bis hin zu Navigationssystemen sowie Systemen zur Unterstützung der Längs- und Querführung (z.B. Adaptive Abstands- und Geschwindigkeitsregelung; Spurwechselhilfen). Der Nutzen dieser Systeme besteht einerseits in größerer Leistungsfähigkeit, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit des Straßenverkehrs. Vor allem aber sollen sie zu einer erhöhten aktiven Sicherheit beitragen, indem sie Defizite bei der Aufnahme und Verarbeitung der relevanten Fahrerinformationen beseitigen, Fehlhandlungen des Fahrers vermeiden helfen, die Folgen von dennoch auftretenden Fahrfehlern mildern und die Beanspruchung des Fahrers durch Über- oder Unterforderung abbauen.

Von der Entwicklung von „Spurwechselassistenten” verspricht man sich insbesondere eine Entlastung des Fahrers und somit eine Erhöhung der Sicherheit in Spurwechselsituationen. So könnte man vorsehen, daß der Fahrer beim Spurwechsel informiert wird, sobald er eine sicherheitskritische Situation einleitet. Die Entwicklung einer solchen komplexen Funktionalität erfordert zunächst eine ausführliche Analyse- und Spezifikationsphase, um Kosten/Nutzenüberlegungen auf eine solide Basis zu stellen und somit die verkehrlichen, fahrzeug- und systemtechnischen Voraussetzungen für den Einsatz solcher Systeme zu klären. So müssen in ersten Arbeitsschritten grundlegende Anforderungen an Spurwechselassistenten definiert werden wie z.B.:

  • Wodurch zeichnen sich Spurwechselvorgänge im allgemeinen aus, worin liegt ihr besonderes Konfliktpotential?
  • Welche Fehler, Konflikte und Unfälle resultieren daraus?
  • Auf welchen Strecken und in welchen Verkehrs- und Fahrsituationen liegen mögliche Einsatzbereiche eines Spurwechselassistenten, wo könnte er funktionieren, wo ist mit Problemen zu rechnen?
  • Welche Rückmeldekonzepte an den Fahrer sind im Sinne einer optimalen Gestaltung der Fahrer-Fahrzeug-Schnittstelle zu wählen?

Unsere Arbeitsgruppe befaßt sich seit vielen Jahren aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit dem Thema Fahrerassistenzsysteme und konnte dabei u.a. zu den angesprochenen Fragen umfangreiche empirische Erfahrungen sammeln. Gemeinsam ist allen Arbeiten, daß es sich jeweils um anwendungsbezogene Grundlagenforschung handelt, die sich auf den von uns entwickelten situativen Ansatz stützt (vgl. zsfd. Fastenmeier, 1995): Die Verkehrsrealität wird – hierbei ausgehend von der Fahrerperspektive – in räumlich und zeitlich abgrenzbare Einheiten zergliedert, denen sich im Sinne von Untersuchungseinheiten auch das spezifische Verhalten des Fahrers zuordnen läßt. Im folgenden Beitrag sollen grundlegende Aspekte von Spurwechselsituationen beleuchtet und in den Kontext der Entwicklung eines Spurwechselassistenten gestellt werden. Zu diesem Zweck wurde in einem iterativen Prozess ein Klassifikationssystem für Spurwechselvorgänge entwickelt. In umfangreichen Verkehrsbeobachtungen auf Autobahnen, Landstraßen sowie Stadtstraßen mit einem instrumentierten Meßfahrzeug wurden dabei die wesentlichen Merkmale der definierten Spurwechselvorgänge ermittelt. Die folgende Darstellung beschränkt sich auf Spurwechselsituationen auf Autobahnen.

Aus: Fastenmeier, W., Hinderer, J., Lehnig, U. & Gstalter, H. (2001). Analyse von Spurwechselvorgängen im Verkehr. Zeitschrift für Arbeitswissenschaft, 55, 15-23.

* Das diesem Beitrag zugrundeliegende Vorhaben wurde im Rahmen von MOTiV/Teilprojekt „Abbiege- und Spurwechselassistenz“ im Auftrag der BMW AG, Robert Bosch GmbH, OPEL AG, Volkswagen AG durchgeführt. Die Verantwortung für den Inhalt liegt bei den Autoren.


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