Sind ältere Autofahrer trainierbar?

Es bestehen keine Zweifel daran, dass Menschen bis ins hohe Lebensalter lernfähig bleiben, auch wenn die Lernprozesse nicht so schnell wie bei jüngeren Menschen ablaufen. Dies haben nicht nur allgemeine Programme zur geistigen Fitness Älterer (z.B. Kaiser & Oswald 2000), sondern auch verkehrsspezifische und neue neuropsychologische Arbeiten (Jäncke 2005) gezeigt.

Es besteht also kein prinzipieller Widerspruch zwischen der häufig genannten Ursache „Überforderung“ bei Verkehrsauffälligkeiten älterer Fahrer und der Tatsache, dass die psychomentalen Ressourcen im Umgang mit einer Anforderung geübt und damit verstärkt werden können. Wie die Studie von Gstalter & Fastenmeier (2005) zeigt, würde in manchen Verkehrssituationen aber bereits ein Strategiewechsel den älteren Fahrern nützen, dann kämen sie auch mit ihren reduzierten Wahrnehmungs- und Verarbeitungskapazitäten zurecht. Ein Beispiel ist das Rechtsabbiegen in ampelgeregelten Kreuzungen: Hier begehen die Älteren zwei „unnötige“ Fehler: Sie blinken viel zu spät und biegen zu schnell ab. Würden sie die Zeichensetzung in die relativ einfachere Phase weiter vor der Kreuzung verlegen und den Abbiegevorgang selbst langsamer vollziehen, hätten sie mehr Zeit und Kapazität, um ihre typischen Fehler in dieser Verkehrssituation zu vermeiden: Spurungenauigkeiten beim Abbiegen und vor allem Behinderungen und Gefährdungen von Fußgängern und Radfahrern.

Häufig entstehen solche suboptimalen Strategien als Folge sehr langer Lernprozesse. Das wohl wesentlichste Beispiel hierfür ist die mangelhafte visuelle selektive Aufmerksamkeitsverteilung der alten Autofahrer. Während Fahranfänger relativ oft mit den Blickfixationen zwischen der Voraussicht auf die sich entwickelnden Situationen und dem Umfeld beiderseits nahe vor dem eigenen Fahrzeug wechseln, rückt der Hauptaufmerksamkeitspunkt mit zunehmender Fahrerfahrung weiter vom eigenen Fahrzeug weg und die seitlichen Blickzuwendungen nehmen ab. Letzteres ersetzt der erfahrene Fahrer mehr und mehr durch die Leistungen der peripheren Wahrnehmung. Genau diese Leistung ist aber stark altersabhängig: das nutzbare Sehfeld verringert sich mit steigendem Alter, ab 75 Jahren rapide. Da dieser Verlust vom Fahrer in der Regel nicht bemerkt wird, bleibt er „natürlich“ bei seiner gewohnten Aufmerksamkeitsverteilung. Wünschenswert wäre es aber, den „Tunnelblick“ durch häufigere Blicke an die Seite zu ergänzen.

Beide Beispiele zeigen, dass in vielen Verkehrssituationen Verbesserungen im Fahrverhalten möglich wären, sogar ohne die psychophysische Leistungsfähigkeit zu trainieren. Sie zeigen aber auch: Für bestimmte Verhaltensmuster muss erst Einsicht in die Zusammenhänge erwirkt werden. Zweitens bedingt der Versuch, eingefahrene Strategien zu ändern, das Ablegen von Gewohnheiten und Routinen, d.h. er kann nur erfolgreich sein, wenn ein alternatives Verhalten aktiv trainiert und damit eine neue Verhaltensgewohnheit aufgebaut wird.


Ein neues Trainingsprogramm für ältere Autofahrer

Hier geben wir nur die Grundgedanken des Trainingsprogramms wieder, das ein niederschwelliges, präventives, also freiwilliges Angebot ist.

1 Das Training wird individuumszentriert sein.

2 Das Training wird verkehrssituationsspezifisch sein

3 Das Training wird Wissen vermitteln, Einstellungen ändern, vor allem aber auch fahrpraktische
Fertigkeiten durch Übungen im Straßenverkehr vermitteln

Der erste Punkt wird durch eine begleitete Fahrt mit dem Probanden vor Trainingsbeginn sicher gestellt. Dabei werden seine/ihre Stärken und Schwächen situationsabhängig festgehalten. Damit ergibt sich als Differenz zum Sollverhalten ein individueller Plan für Lernziele. Probanden mit ähnlichen Lernzielen können dann in Gruppen zusammengefasst werden, die entsprechende Lernmodule (z.B. Abbiegevorgänge) bearbeiten. Ein wesentlicher Teil sind dabei die fahrpraktischen Übungen in den jeweiligen Verkehrssituationen.
.


[Risiko]   [Defizite]   [Kompensation]   [Training] [Downloads] [Zurück